Tiefer in der Liebe
Die Liebe verändert alles. Nicht laut, nicht spektakulär, sondern leise und von innen her. Sie wächst im Unsichtbaren und sucht sich noch tiefer in unserem Land und unseren Herzen zu verwurzeln. Liebe muss nicht erkämpft werden. Sie will nicht besitzen. Eines Tages wird sichtbar, was lange im Verborgenen gereift ist. Sein ist genug. Wie die Morgenröte kommt sie nicht auf Kommando, sondern weil die Nacht zu Ende geht.
Wer aufhört, ständig nach Erkenntnis zu suchen, entdeckt etwas Größeres: zu lieben reicht aus! Liebe schafft Klarheit, ohne zu analysieren. Sie schenkt Perspektive, ohne zu bewerten. In ihrer Gegenwart darf ein Satz wahr werden, der tiefen Frieden trägt: Es ist vollbracht. (Joh 19,30) Nicht, weil alles leicht ist, sondern weil alles getragen ist. Alles ist in Ordnung, weil Christus den Weg durch Leid, Tod und Trennung gegangen ist.
Liebe ist eine gebende Haltung, keine urteilende. Wenn wir wüssten, wie viel wir tatsächlich zu geben haben, würden wir unser Herz leichter öffnen. Wir würden spüren, wie Zweifel, Ängste und das Gefühl von Ablehnung allmählich ihre Macht verlieren. An ihre Stelle tritt Verbundenheit – mit dieser Welt, mit dem, was gerade ist, auch mit dem Schweren, und mit uns selbst. „Lass dir an meiner Gnade genügen“, ruft uns Gott zu (2Kor 12,9). Und doch denken wir so oft: Ich bin nicht genug. Genau hier widerspricht die Liebe: Doch, du bist genug! Komm hervor. Zeig dich, wie du bist. Nicht poliert, nicht perfekt, sondern echt. In dieser Echtheit beginnt Heilung.
Die Liebe verändert alles.
Lasst uns auch unser Land in diesen Raum der Liebe und Fürsorge hineinziehen. Wir sind eingeladen, neu aus den Quellen des Heils zu schöpfen (Jes 12,3). Gott baut und stellt wieder her – auch wenn es Zeit braucht. Darum beten wir hoffnungsvoll. Nicht aus Mangel, sondern voller Vertrauen. Denn es gibt keinen Mangel in Gott. Wir dürfen im Raum seiner Liebe und Versorgung leben. Seine Fülle ist da. Aus dieser unendlichen Quelle empfangen wir Gnade um Gnade (Joh 1,16) – für uns selbst und für jede Situation in unserem Land. Seine Quellen liegen unter jedem Weg verborgen, auch unter den steinigsten.
Noch tragen wir – wie unser Land – viele Verletzungen. Sie heilen nicht durch Ablehnung, sondern dadurch, dass wir uns der Liebe öffnen und beginnen, uns selbst mit all unseren Wunden anzunehmen. Im Lieben, nicht im Habenwollen, nicht im ständigen Tun und Leisten, finden wir neu Sicherheit. Wir sind tatsächlich ein Geschenk für diese Welt – genau dort, wo wir sind. Und wenn wir Jesus, den Erbauer, einladen, beruft er neue Architekten für unser Land (Jes 49,17ff). Dann entstehen neue Fundamente. Dann wächst etwas, das trägt. Und wir dürfen neu erfahren, dass das Land auf uns reagiert – auf unser Gebet, auf unsere Liebe und auf unsere Sanftheit.
Alexander Schlüter