Im Raum der Verheißung verweilen
Es ist Zeit für Veränderung. Nicht zuerst im Außen. Nicht zuerst in der Politik, in den Schlagzeilen oder in den sichtbaren Entwicklungen unserer Zeit. Sondern in uns und in unserer Wahrnehmung. In unserem Sehen. In der Art, wie wir Gott begegnen und wie wir die Welt betrachten. Vielleicht ist die größte Herausforderung unserer Zeit nicht der Mangel an Antworten. Vielleicht ist es der Mangel an verfügbaren Raum für Gott und für das Neue. Raum für das, was noch nicht gedacht, benannt oder verstanden wurde. Denn oft betreten wir das Gebet bereits mit fertigen Vorstellungen. Wir kommen mit unseren Meinungen, unseren Analysen, unseren Erfahrungen und den bekannten Mustern der Vergangenheit. Noch bevor Gott sprechen kann, haben wir die Situation bereits eingeordnet. Wir wissen, was das Problem, wer verantwortlich ist und was geschehen müsste. Und so beten wir oft aus dem Raum des Bekannten. Doch Gott begegnet uns häufig im Raum des Noch-nicht-Bekannten. Dort, wo wir nicht sofort verstehen, wo wir nicht alles kontrollieren können und wo unsere alten Kategorien nicht mehr ausreichen.
Vielleicht ruft Gott uns in dieser Zeit dazu auf, Raum zu schaffen. Nicht einen Raum, den wir sofort wieder mit unseren Gedanken füllen. Nicht einen Raum, der von Angst, Erwartungen oder vertrauten Mustern bestimmt wird. Sondern einen offenen Raum. Einen Raum des Hörens. Einen Raum, in dem etwas Neues geboren werden kann. Denn Neues entsteht selten in überfüllten Räumen. Es entsteht dort, wo etwas leer werden darf. Wo wir bereit sind, unsere Gewissheiten für einen Moment loszulassen. Wo wir den Mut haben, nicht sofort Antworten zu finden.
Vielleicht ist der Sommer eine Einladung dazu. Eine Einladung, langsamer zu werden. Weniger zu analysieren. Weniger zu reagieren. Mehr zu schauen, zu lauschen und zu empfangen. Vielleicht dürfen wir die vertrauten Räume für eine Zeit verlassen und neue Räume betreten.
Alexander Schlüter